Ein Nachruf für einen besonderen Menschen

Lieber Olaf,

Du wolltest schon lang nicht mehr hier sein auf dieser Welt und nun bist Du wirklich gegangen.

Als ich die Nachricht erhalten habe, hat sie mich direkt in mein Herz getroffen. Dorthin, wo Du schon so viele Jahre einen festen Platz hattest.

„Ich mag diese Welt nicht. Und die Menschen auch nicht“. Das hat man nicht selten von Dir zu hören bekommen. Und genauso hast Du das meist auch gemeint. Immer dann, wenn Du etwas nicht verstanden hast, oder Du enttäuscht wurdest.

Vom Leben bitter gezeichnet, warst Du meist mit einem Teil von Dir in der Welt Deines längst verstorbenen Großvaters zuhause. Das „Früher war alles besser“ war für Dich keine Phrase, sondern gelebte Realität. Vielleicht hast Du auch deshalb in einem Sammelsurium alter Dinge gewohnt. Dein eigenes kleines Museum war ein Spiegel Deiner Seele: in die Tage gekommen, einzigartig, aufgeräumt, mit Geschichte, nicht ohne Macken, aus der Vergangenheit gerettet, gehegt und gepflegt. Alles unter einer Schicht Staub. Und trotzdem: Hier war Deine Liebe versteckt, hier wurdest Du weich, hier haben Deine Augen geleuchtet. Jedes Stück hatte seinen eigenen Herzschlag.

Aus dem ´Früher´, der Welt Deiner Opas, hast Du mir, hast Du uns, immer wieder etwas mitgebracht: Anekdoten, Werte wie Ordnung, Disziplin, Kameradschaft, Ehre oder den respektvollen Umgang mit Dingen. „Das kann man doch noch mal gebrauchen…“ war ein oftmals verblüffender Gesprächseinstieg, wenn Du am Montag Morgen mit dem Kopf in der Wertstoff-Mülltonne gesteckt hast und allerlei Kram einen zweiten oder dritten Lebenszyklus eingehaucht hast.

Es sei aber auch erwähnt, dass Du aus der großväterlichen Zeit ein Weltbild eingeimpft hattest, das nur schwer auszuhalten war. Frauen, Menschen anderer Herkunft und vor allem die “Überstudierten“ mussten einiges einstecken können, um nicht zutiefst gekränkt zu sein. Dieses Feuerwerk an Beleidigungen, schonungsloser Direktheit und fragwürdigen Thesen, die nicht unkommentiert bleiben konnten, hatte aber auch eine andere Funktion: Es war Dein persönlicher Burggraben, es waren Deine Wehrtürme gegen all die Verletzungen, Beleidigungen und Demütigungen, die Du selbst erfahren hattest. Denn anders als Deine Worte, hast Du nämlich oft genau zu diesen Menschen Nähe gesucht, denen Du kurz zuvor noch die Pest an den Hals gewünscht hast.

Ich hatte das große Glück, dass Du mich immer wieder hinter Deinen Burggraben vorgelassen hast, obwohl ich ´überstudiert´ war. Obwohl ich neue Dinge besaß. Und obwohl ich nicht wusste, welches Baujahr und welche Geschichte sich eigentlich hinter meinem alten Defender verborgen haben. Von den Pferdestärken ganz abgesehen.

Du hast mich damit beschenkt, dass ich Dir nah kommen durfte. Als Gast immer wieder hinter Deine mächtigen Mauern blicken durfte. Und da sind wir uns dann wirklich begegnet. Standen voreinander und waren so pur, wie ich es selten mit einem Menschen erlebt habe. Unbewaffnet und oft genug, ohne zu wissen, was wir mit uns dann anfangen sollten. Ich durfte Dich sogar ein paar Mal in den Arm nehmen. Da warst Du wie ein ganzes Gebirge. Und ein kleines Kind. Im selben Moment.

Erst jetzt, wo Du nicht mehr da bist, beginne ich langsam zu verstehen, wie groß das Geschenk eigentlich wirklich war, was Du mir und allen Kolleginnen und Kollegen in Deinem Saftladen gemacht hast.

Deinen Worten „nicht mehr ´hier´ sein zu wollen“ hattest Du schon ein gutes Dutzend Mal Taten folgen lassen. Das Ticket für Deine letzte Fahrt war schon oft von Dir gelöst. So habe ich Dich kennengelernt. Und dann bist Du am Ende doch so lange bei mir und bei uns geblieben. In den letzten 10 Jahren hast Du kein einziges Mal versucht, Dich von dieser Welt zu verabschieden. Für diese Verlängerung, lieber Olaf, werde ich Dir für immer dankbar sein.

Ich trage so viele Bilder, so bunte Erinnerungen, so verstörende Ansichten, so besondere Gespräche und so einzigartige Erlebnisse in mir, die mich über unsere gemeinsame Zeit hinaus mit Dir verbinden werden. Du warst für mich oft unbequemes Symbol für weite Teile meines sozialen Handelns. Mit Dir habe ich Seiten an mir kennengelernt, die ich nicht missen möchte. Danke dafür!

Alle Deine Kolleginnen und Kollegen von Das Geld hängt an den Bäumen vermissen Dich. Wir waren eine Familie und wir werden unsere Erinnerung an Dich in Ehren halten.

Ich, lieber Olaf, wünsche Dir von Herzen einen guten Platz auf Deiner ganz persönlichen Wolke. Gebastelt aus alten Paletten und sehr viel Leergut. Und neben Dir dudelt sicher grad ein Stück von Buddy Holly auf einem Deiner alten Radios.

In tiefer Verbundenheit
Jan

Credits: ANDREA RÜSTER

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